Auswahl: In Ascension
In Ascension, Martin MacInnes, Atlantic Books, London 2023; 512 Seiten
Meine Begeisterung für Meeresbiologie und fürs Tauchen ist alt, die Verzauberung durch Unterwasserwelten auch. Die Entscheidung für eine progressive Zukunftserzählung in diesem von mir sehr geliebten Habitat stand deshalb sofort nach der ersten Empfehlung fest. MacInnes fängt genau dort an: „I was born in the lowest part of the country, 22 feet beneath the sea.“ Leigh wächst in Rotterdam auf, schwimmt als Kind in der Nieuwe Maas, und das Wasser wird ihr zum Zufluchtsort vor einem schwierigen Zuhause, vor allem vor dem Vater Geert. Aus der frühen Faszination für die Tiefe wird eine Doktorarbeit über Algen und ihr landwirtschaftliches Potenzial. Als im Atlantik ein Graben entdeckt wird, schließt sie sich der Besatzung der Endeavour an. 36 Kilometer, dreimal die Tiefe des Marianengrabens – der Roman legt die Zahl hin wie einen Schlag: „Thirty-six was a distance, a measurement.“ Was das U-Boot von dort heraufbringt, stellt Fragen an den Ursprung des Lebens selbst.
MacInnes komponiert den Roman in fünf Teilen, benannt nach dem, was Leigh jeweils trägt: Endeavour, das Forschungsschiff. Datura, das Objekt. Kourou, der Raumhafen. Nereus, das Schiff. Und dann Ascension. Datura ist 1,3 Kilometer breit und 1,7 hoch, vor gut fünf Jahren aufgetaucht, amtlich als 1t/2020/x488_u geführt – diese Aktenzeichen-Nüchternheit ist der Ton des ganzen Buches. Die Sätze bleiben klar, fast laborhaft präzise, und gerade im geduldigen Registrieren entsteht ein Staunen, das niemals esoterisch wird. Leighs Wahrnehmung bleibt der Fokus; ihr forschendes Denken, ihre Skrupel, die Sorge um die kranke Fenna und die jüngere Helena erden die metaphysischen Zumutungen. Erzähltechnisch kann MacInnes beides, Enge und Weite. Die Tiefseepassagen sind mit einer physischen Dichte geschrieben, die man fast atemlos liest; die Sequenzen in China Lake und später zwischen Trägersystemen und Reinräumen öffnen den Text ins Spekulative, ohne den Boden zu verlieren. Immer wieder kehrt der Roman an den Körper zurück: in Handschuhspitzen, die sachte an Probenbeuteln zupfen; in den Ritualen der Pflege; in der Müdigkeit, die Entscheidungen trübt.
Bei ICORS, dem Institute for Coordinated Research in Space, hat seit fünf Jahren niemand einen Start zustande gebracht; die Agentur steht kurz vor der Auflösung, als sie Leigh anstellt. Uria, Projektdirektorin des amerikanischen Arms, empfängt sie; später trainiert Leigh mit Tyler und Karius. Was sie dort tut, ist die eigentliche Pointe: Sie leitet das Essensprogramm. Derselbe Organismus, den sie am Ursprung des Lebens gesucht hat, ernährt am Ende die Besatzung – die Algen tragen die Crew hinaus. Auch der Titel hält mehr, als er zeigt. Ascension ist eine Insel am Mittelatlantischen Rücken, die der Kapitän neben Kap Verde, den Azoren und Island aufzählt; es ist zugleich das Fachwort für den Aufstiegspunkt eines U-Boots; und es ist der Name des letzten Teils. Der Roman stand 2023 auf der Booker-Longlist und gewann 2024 den Arthur C. Clarke Award. Beide Seiten beanspruchen ihn, keiner gehört er ganz. Zukunft denkt er dabei nicht als Untergang – das ist im Genre selten geworden. Wohin Leigh am Ende geht und was sie dort findet, verrate ich nicht; nur so viel, dass der letzte Teil einlöst, was die Algen versprochen haben. In Ascension ist damit Abenteuer und Meditation zugleich: ein langsames, präzises Buch über das Leben, vom Zellverband bis zur Umlaufbahn.