Auswahl: Piranesi

Piranesi, Susanna Clarke, Bloomsbury Publishing, London 2020; 272 Seiten. In der deutschen Hörbuchfassung gelesen von Peter Lontzek (Audible Studios, Berlin 2024).

Dieses Buch ist mir zweimal begegnet: zuerst als englisches Hardcover, dann, aus Neugier und aus Zuneigung, noch einmal als deutsche Hörbuchfassung. Selten hat sich eine zweite Begegnung so wenig wie eine Wiederholung angefühlt. Piranesi ist ein Roman, der weniger gelesen als bewohnt wird. Ein endloses Haus aus Hallen und Treppen, von Statuen bevölkert, von Fluten umbrandet, von Wolken durchzogen. Wer dieses Buch betritt, betritt kein Setting, sondern einen Zustand aus Aufmerksamkeit, Staunen und langsamer Erkenntnis. Der Erzähler, der im Laufe des Buches Piranesi genannt werden wird, bewegt sich durch dieses Haus mit einer Geduld, die an Andacht grenzt. Er führt Journale, vermisst Flutzyklen, sorgt sich um Vögel und Algen, katalogisiert Funde wie ein Naturhistoriker einer versunkenen Welt. Das Haus ist für ihn kein Rätsel, das gelöst werden muss, sondern eine Ordnung, der man sich verpflichtet. Auch seine Beziehung zu den Vögeln ist dafür bezeichnend. Er beobachtet sie nicht nur, sondern liest sie, folgt ihren Bewegungen, denkt sich in sie hinein. In einer fast zärtlichen Vorstellung imaginiert er sich sogar als Teil eines solchen Wesens, als könnte er mit einem Albatros eine Chimäre bilden. Die Grenze zwischen Mensch und Welt wird hier nicht verteidigt, sondern durchlässig gedacht.

Nur selten erscheint „the Other“, ein Besucher mit erklärtem Forschungsinteresse und implizitem Anspruch auf Deutungshoheit. Je weiter Piranesi in seine Aufzeichnungen und die Räume des Hauses vordringt, desto stärker verschieben sich die Gewissheiten. Wer ist er, was ist dieses Haus, und wessen Erkenntnis steht hier eigentlich auf dem Spiel? Clarke erzählt diese Bewegung als leise, beharrliche Entzauberung, die paradoxerweise zur Wiederverzauberung führt. Im englischen Original ist die Prosa von einer auffälligen Klarheit: nüchtern, höflich, beinahe altmodisch. Wiederholungen, kleine Genauigkeiten und scheinbar nebensächliche Beobachtungen fügen sich zu einer Sprache, die nicht erklärt, sondern ordnet. Das Haus wird nicht interpretiert, es wird bewohnt, Satz für Satz. Wenn Piranesi sein Mantra wiederholt, „The Beauty of the House is immeasurable; its Kindness infinite.“, wird spürbar, wie Beschreibung hier zur Ethik wird. Ganz frei von Anstrengung ist dieser Beginn allerdings nicht. In den ersten Kapiteln greift Clarke stellenweise etwas pflichtbewusst auf vertraute philosophische Grundfragen zurück, etwa Identität, Erinnerung und Wirklichkeit, als müsse der Text zunächst seine literarische Ernsthaftigkeit ausweisen. Diese Phase wirkt kurzzeitig erklärungswilliger als nötig, bevor der Roman sich aus diesem Modus löst und zu jener stillen Eigenlogik findet, in der er am stärksten ist.

In der deutschen Hörbuchfassung verstärkt Peter Lontzeks ruhige, zurückgenommene Stimme genau diese Qualität. Sie trägt den Text nicht emotional auf, sondern lässt ihm Raum. Wiederholungen werden zu Atemzügen, Pausen zu architektonischen Zwischenräumen, und das Hören macht besonders deutlich, dass Erkenntnis hier nicht erobert, sondern freigelegt wird, langsam und ohne Pathos. In dieser Hinsicht wirkt die akustische Erfahrung fast wie eine Fortsetzung der literarischen Form, als würde der Text selbst noch einmal in eine andere Wahrnehmungsebene übersetzt.

Die innere Bewegung des Romans verläuft von Unschuld über Manipulation zur Selbstermächtigung, doch diese Bewegung ist weniger dramatisch als vielmehr strukturell. Piranesi ist eine Studie über Erkenntnismacht. Wer benennt, besitzt, wer archiviert, formt Wirklichkeit. Auffällig ist dabei, wie wenig der Protagonist als Mann im klassischen Sinne erscheint. Seine Beziehung zur Welt ist nicht von Durchsetzung, Besitz oder Hierarchie geprägt, sondern von Fürsorge, Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Erst im Kontrast zu „the Other“, dessen Gestus von Kontrolle, Belehrung und instrumenteller Vernunft bestimmt ist, wird sichtbar, wie subtil Clarke hier eine patriarchale Wissensordnung unterläuft. Nicht als explizite Kritik, sondern als gelebten Gegensatz. Gerade in dem Moment, in dem diese Ordnung stabil zu sein scheint, beginnt sie jedoch zu brüchig zu werden. Piranesis Verhältnis zum Haus bleibt nicht unerschüttert. In seinen Tagebüchern taucht zunehmend die Frage auf, ob das Haus nicht selbst eine Quelle von Vergessen und Wahnsinn sein könnte. Er beginnt, sich selbst zu beobachten, fast wie ein eigener Patient, und gerät dabei in eine Spannung zwischen wissenschaftlicher Neugier und lebenspraktischer Notwendigkeit. Er darf sich nicht so sehr in seine Aufzeichnungen vertiefen, dass er vergisst zu fischen, seine Kleidung zu flicken oder sich warm zu halten. Erkenntnis wird hier an das Überleben zurückgebunden.

Besonders eindrücklich ist, wie Piranesi beginnt, seinem eigenen Geist zu misstrauen und zugleich am Haus festhält. Selbst dort, wo er die Möglichkeit seines Wahnsinns ernst nimmt, entscheidet er sich für Vertrauen. Das Haus mag ihn vergessen machen, doch es tut dies, so seine Überzeugung, nicht ohne Grund. In dieser Bewegung liegt keine naive Hingabe, sondern eine fragile Form von Vernunft. Erkenntnis wird hier nicht zur Auflösung von Zweifel, sondern zu einem vorsichtigen Umgang mit ihm. Für mich liegt die größte Stärke des Romans in seiner ersten Hälfte, im Zustand des Verlorenseins, im Aufenthalt im Haus, bevor sich Zusammenhänge andeuten. Sobald sich diese Konturen verdichten, verändert sich der Ton. Nicht weil die Auflösung misslungen wäre, sondern weil jede Erklärung hinter der zuvor aufgebauten Atmosphäre zurückbleiben muss. Dass Clarke diesen Schritt dennoch geht, lässt sich als notwendige Bewegung lesen oder als bewusster Verlust. Beides gehört zur Erfahrung.

Spannend ist zudem, dass sich das Verhältnis zwischen Innen und Außen nie eindeutig klärt. Was zunächst wie ein abgeschlossenes System erscheint, öffnet sich zu einer zweiten Wirklichkeit hin, ohne diese vollständig preiszugeben. Diese Bewegung führt nicht zu einer klaren Rückkehr, sondern zu einem Zustand des Dazwischen. Das Haus bleibt als Erfahrung erhalten, es schreibt sich in die Wahrnehmung ein und lässt sich nicht einfach hinter sich lassen. Wer einmal in ihm gelebt hat, trägt es weiter in sich. Piranesi ist ein Roman über Trauma, ohne es zu benennen, über Krankheit und Isolation, ohne sie auszustellen, über das Überleben durch Ordnung, Fürsorge und Gedächtnis. Ein Buch, das das Labyrinth nicht als Ort des Schreckens denkt, sondern als Raum der Beziehung. Wer sich auf seine langsame Bewegung einlässt, lesend oder hörend, verlässt das Haus verändert, nicht weil man entkommen wäre, sondern weil man gelernt hat, darin zu bleiben. Ein stilles, eigensinniges, lange nachwirkendes (Hör-)Buch.

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