Auswahl: The Heaven & Earth Grocery Store
The Heaven & Earth Grocery Store, James McBride, Riverhead Books, New York 2023; 400 Seiten
Empfohlen hat mir The Heaven & Earth Grocery Store ein lieber Bekannter aus der jüdischen Gemeinde, ein ehemaliger Buchhändler – als wunderbares Buch über afroamerikanisch-jüdische Geschichte. Das Versprechen hat James McBride gehalten. Ein Brunnen, ein Skelett, eine Kleinstadt. Der Roman beginnt im Juni 1972, als Staatspolizisten in Pottstown ein Skelett in einem alten Brunnen finden; einen Tag später zieht Hurrikan Agnes über die Gegend und nimmt mit, was an Spuren übrig war. Von dort springt das Buch zurück nach Chicken Hill in die 1930er Jahre. Hier leben jüdische Einwanderer und afroamerikanische Familien dicht beieinander, verbunden durch Armut und eine Nachbarschaft, in der Solidarität und Misstrauen nie weit auseinanderliegen. Chona, jüngste Tochter des Rabbiners Flohr und von Polio gezeichnet, führt den Lebensmittelladen; ihr Mann Moshe betreibt die Tanzhalle, die er als eine der ersten für schwarzes Publikum öffnet.
Als die beiden den gehörlosen Dodo bei sich verstecken – Nate Timblin, der Hausmeister und die heimliche Autorität des Viertels, hat sie darum gebeten –, kippt die fragile Ordnung. Dem Jungen droht die Einweisung nach Pennhurst. Diese Anstalt hat es gegeben, und was dort mit Kindern geschah, kam erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit. Was als Fürsorge beginnt, bringt Doc Roberts gegen die Ludlows auf, den Stadtarzt und KKK-Mann, und mit ihm alles, was in Chicken Hill sonst unter der Oberfläche bleibt. McBride zeigt, wie Rassismus und Antisemitismus ineinandergreifen, und lässt dabei keine seiner Figuren zur Illustration werden.
Dass er diese Nachbarschaft von innen kennt, ist erwartbar, kommt aber in McBrides beschwingter Sprache so leicht daher, dass beim Lesen das Eintauchen in das Mikrouniversum nicht schwerfällt. Seine Mutter war eine jüdische Einwanderin, deren Familie sie verstieß und Schiwa für sie saß, als sie einen schwarzen Prediger heiratete; erzählt hat er das in The Color of Water. Auf Pottstown stieß er zufällig, unterwegs nach Pennhurst – die Anstalt war zuerst da, die Stadt kam dazu. In der örtlichen historischen Gesellschaft fand er dann die Geschichte von Chicken Hill, wo die alte Synagoge sich heute ihren Raum mit einer schwarzen Kirche teilt. „I'm sick of the dissension that happens when the word ‚Black‘ or ‚Jew‘ appears“, hat er über das Buch gesagt. So entfaltet sich der Roman als Chronik einer Nachbarschaft. Die Stimmen widersprechen einander, und McBride schlichtet nicht. Der Brunnen hat gut dreißig Jahre lang dichtgehalten. Länger nicht.