Collage: © Joshua D. Tewalt. Camus-Porträt (1957, UPI, Public Domain, Wikimedia Commons).

Die zweite Revolte

Selbst Politik-Nerds wie ich kennen nicht jedes Kabinettsmitglied deutscher Landesregierungen – erst recht dann nicht, wenn diese Personalien nicht einmal von gegenwartspolitischen Aufmerksamkeitsmühlen wie einem ministerpräsidialen Food-Blog zehren können. Der Finanzminister Brandenburgs, Robert Crumbach, gehört zweifellos zu jenen Figuren, die normalerweise weder in meinem politischen Universum noch im Rest der Republik größere politische Erschütterungen auslösen. Eine Meldung des rbb vom 10. März 2026 schaffte es dennoch, nicht nur meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, sondern eine überraschend große Resonanz für eine Entscheidung Robert Crumbachs zu erzeugen – zumindest auf Facebook. Dort sammelte die Nachricht eine bemerkenswerte Anzahl von Lach-Smileys. Die Botschaft war schnell erzählt: Robert Crumbach, lange Zeit SPD-Mitglied, später Mitgründer des BSW-Landesverbandes in Brandenburg, tritt wieder in die SPD ein.

Wer im Leben weder eine politische Revolte erlebt noch den leichten Wohlstandsschmerz des unangenehmen Parteisoldatentums gespürt hat, mag darin einfach eine typische Reaktion auf eine kurze politische Meldung sehen. Vielleicht auch ein wenig Spott über das scheinbare Hin und Her eines Politikers: erst austreten, dann woanders eintreten, austreten – und schließlich wieder eintreten. Ein unruhiges politisches Pendeln, das sich leicht mit einem Emoji kommentieren lässt. Doch wer selbst einmal nach einem langen innerparteilichen Ringen und einem finalen Streit den Moment der Revolte erlebt hat, erkennt in dieser Bewegung etwas anderes. Ich zähle mich zu diesen Menschen. Vielleicht verstehe ich deshalb Robert Crumbach. Revolte bedeutet dabei nicht, alles niederzureißen. Revolte bedeutet zunächst etwas viel Einfacheres: eine Grenze zu ziehen.

Albert Camus hat diesen Gedanken in seinem berühmten Essay Der Mensch in der Revolte formuliert. Der revoltierende Mensch, schreibt Camus, ist jemand, der „Nein“ sagt. Doch dieses Nein ist kein nihilistischer Ausbruch. Es ist kein „Nein“ gegen alles. Es ist vielmehr schlicht – aber nachhaltig – die Feststellung einer Grenze. Der revoltierende Mensch sagt: Bis hierhin – und nicht weiter. Diese Grenze kann viele Formen haben. Sie kann moralisch sein, politisch oder existenziell. Und sie entsteht oft nicht in einem Moment großen Pathos, sondern aus einer langen Erfahrung der Spannung: aus Enttäuschung, aus Konflikten, aus der schleichenden Erkenntnis, dass eine Ordnung nicht mehr zu dem passt, was man selbst für richtig hält. In der politischen Praxis bedeutet das häufig einen Bruch. Oder Resignation. Ein Bruch kann dabei wesentlich produktiver sein als Resignation. Menschen verlassen Organisationen, Parteien oder Bewegungen, in denen sie lange Zeit gearbeitet haben. Von außen wirkt das oft wie ein persönlicher Konflikt oder ein taktischer Schritt. Doch von innen fühlt sich das ganz anders an. Es fühlt sich an wie eine Revolte. Parteien können Orte solcher Revolten sein. Gerade Volksparteien leben davon, dass sie große politische Räume abbilden, in denen unterschiedliche Strömungen miteinander ringen. Wer lange Teil eines solchen Systems war, weiß, dass Konflikte dort nicht selten Jahre dauern. Irgendwann kommt der Moment, in dem jemand entscheidet: Diese Grenze kann ich nicht mehr akzeptieren. Dann folgt der Austritt. Doch damit endet die Geschichte der Revolte nicht. Denn Revolten haben eine merkwürdige Eigenschaft: Sie neigen dazu, sich zu organisieren. Aus Protestbewegungen entstehen Parteien. Aus oppositionellen Haltungen werden politische Programme. Camus wusste das. Zunächst ist das auch ein legitimer Vorgang. Demokratie lebt schließlich davon, dass Dissens politisch strukturiert wird. Aber genau hier beginnt auch das Problem, das Camus ebenfalls im Blick hatte. Die Revolte verteidigt eine Grenze. Die Revolution hingegen neigt dazu, diese Grenze zu überschreiten. Revolutionen – im politischen wie im ideologischen Sinn – haben die Tendenz, den ursprünglichen Protest zu absolutieren. Was einmal als Nein zu einer bestimmten Situation begonnen hat, verwandelt sich dann in ein umfassendes Projekt der Umgestaltung. Der Protest wird zum Programm, das Programm zur Wahrheit – und die Wahrheit schließlich zur Ideologie. Camus misstraute diesem Moment zutiefst. Für ihn lag darin eine der großen Tragödien der politischen Moderne: dass Revolten, die ursprünglich Freiheit verteidigen wollten, am Ende selbst autoritäre Strukturen hervorbringen konnten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts liefert dafür genügend Beispiele.

Dieser Mechanismus zeigt sich nicht nur in großen Revolutionen. Er kann auch in kleineren politischen Bewegungen auftreten. In Protestparteien etwa, deren ursprüngliche Energie aus der Ablehnung einer politischen Sache entsteht. Solange diese Energie an konkrete Grenzen gebunden bleibt, kann sie produktiv sein. Sie kann Debatten verschieben, Themen auf die Agenda setzen und politische Mehrheiten herausfordern. Doch sobald der Protest selbst zum dauerhaften Zustand wird, verändert sich seine Logik. Die AfD lieferte hierfür gewissermaßen eine Blaupause für das, was das BSW später von links zu versuchen schien. Entstand die Partei ursprünglich aus einer Revolte gegen die Euro-Rettungspolitik und eine technokratische Krisenordnung, in der Banken „too big to fail“ waren – und alle anderen darunter, entwickelte sich daraus im Laufe der Jahre eine so umfassende wie einfältige Erzählung vom ewigen Konflikt zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“. Der Protest gegen politische Alternativlosigkeit verwandelte sich so in eine dauerhafte politische Identität – weit offen für all die Hässlichkeiten des Populismus und des Geschichtsrevisionismus sowie für Kräfte, die gleich das demokratische System selbst infrage stellen. An dieser Stelle geht es nicht mehr darum, eine Grenze zu markieren. Dann geht es darum, den Protest selbst zu verteidigen. Und genau in diesem Moment kann eine zweite Revolte notwendig werden. Vielleicht besteht sie darin, die Bewegung wieder zu verlassen. Der neue Finanzminister Brandenburgs scheint das verstanden zu haben. Wer sich seinen politischen Lebenslauf ansieht, findet darin durchaus Positionen, die ernst genommen werden sollten. Seine Forderung etwa, die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft zu thematisieren, trifft einen realen strukturellen Missstand. Andere Positionen sind dagegen deutlich problematischer. Seine Forderung nach einer Aufhebung der Sanktionen gegen Russland oder seine Skepsis gegenüber militärischer Abschreckung unterschätzen die Realität eines Angriffskrieges, auf den es in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche diplomatische Antworten gegeben hat, die Crumbach jedoch aus seiner offenbar wenig informierten außenpolitischen Perspektive offenbar vermisst. Auch Revolten schützen nicht vor politischen Irrtümern. Bleibt zu hoffen, dass Robert Crumbach sich auch hier als lernfähig erweist. Denn: Selbst Teilzeitrebellen stehen in manchen Fragen auf erstaunlich schwachen Füßen.

Aus der Perspektive sozialer Medien wirkt das alles schnell wie ein politisches Hin und Her. Ein Austritt hier, ein Eintritt dort. Für viele Beobachter scheint das vor allem eines zu sein: inkonsequent. Doch vielleicht ist genau das Gegenteil der Fall. Vielleicht liegt in dieser Bewegung eine besondere Form politischer Konsequenz. Der revoltierende Mensch bleibt nämlich nicht bei einer einmal gefundenen Position stehen. Seine Loyalität gilt nicht der Organisation, sondern der Grenze, die er gezogen hat. Wenn sich diese Grenze verschiebt – weil eine Bewegung selbst beginnt, sie zu überschreiten –, dann bleibt nur eine Möglichkeit: erneut Nein zu sagen. Wolf Biermann hat diesen Gedanken einmal mit der ihm eigenen Lakonie formuliert, wie Bundespräsident Horst Köhler später in einer Laudatio erinnerte. „Na ja, manchmal bin ich nicht mehr meiner Meinung“, sagte er und brach mitten im Lied „So soll es sein, so wird es sein“ eine Strophe kurzerhand ab. Die Revolte richtet sich dann nicht mehr gegen die alte Ordnung, sondern gegen den Protest selbst. Das ist kein Verrat an der Revolte. Es ist ihre konsequente Fortsetzung. Wer Camus liest, versteht diesen Unterschied schnell. Die Revolte ist keine Ideologie. Sie ist eine Haltung. Sie verteidigt immer nur einen bestimmten Raum menschlicher Freiheit, niemals eine totale Wahrheit. Und sie schließt selbst ein späteres Engagement mit parteisoldatischem Eifer in der alten politischen Heimat nicht aus. Revolutionen hingegen neigen dazu, genau diese totale Wahrheit zu behaupten.

Vielleicht erklärt das auch, warum die Revolte in Demokratien oft angenehm unspektakulär erscheint. Sie besteht selten aus heroischen Momenten. Es gibt keine Barrikaden, keine historischen Bilder, keine großen Gesten. Manchmal besteht sie einfach darin, eine Partei zu verlassen. Oder in eine andere einzutreten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Lach-Smiley diese Bewegung nicht versteht. Er erwartet den großen politischen Knall, das spektakuläre Ereignis, die dramatische Wende.

Demokratie funktioniert anders. Sie lebt von Menschen, die immer wieder bereit sind, ihre Grenze neu zu ziehen – und sie zu erklären. Manchmal sogar in der gleichen alten Arbeitsgruppe. Oder als Minister der alten parteipolitischen Heimat.

Autor