Gegenwart lesen: Black Futures
Black Futures, herausgegeben von Kimberly Drew und Jenna Wortham, One World, New York 2020; 544 Seiten, 35,00 €
Nach einem Kinobesuch zu einem popkulturellen Klassiker des Afrofuturismus stellt sich ein vertrautes Bedürfnis ein. Der Wunsch, tiefer einzutauchen, jenseits der Leinwand. Black Futures bietet genau diesen Übergang. Kein Kommentar zum Diskurs, sondern ein Raum, in dem er weiterlebt.
Der von Kimberly Drew und Jenna Wortham herausgegebene Band bricht bewusst mit linearen Formen. Er ist zugleich Literatur, Kunstbuch und digitales Archiv. Stimmen, Bilder und Praktiken verschränken sich zu einer Gegenwartserzählung, die sich weigert, abgeschlossen zu sein. Schwarzsein erscheint hier nicht als Kategorie, sondern als Bewegung durch Zeit, Raum und Möglichkeit.
Die Struktur folgt keiner Chronologie, sondern einer Dramaturgie von Themen. Kapitel wie Power, Joy, Memory oder Legacy öffnen Zugänge, ohne sie festzuschreiben. Essays stehen neben Fotografien, Tweets neben Rezepten, Intimität neben Aktivismus. Gerade diese Heterogenität erzeugt ein vibrierendes Kontinuum, das sich eher lesen lässt wie ein sozialer Raum als wie ein Buch.
Auffällig ist die Selbstverständlichkeit, mit der digitale Kultur integriert wird. Screenshots, Hashtags, fragmentarische Notate. Was andernorts als ephemer gilt, wird hier archiviert und ernst genommen. Daraus entsteht eine Ästhetik, die Gegenwart nicht konserviert, sondern in ihrer Flüchtigkeit sichtbar macht.
Die Resonanz der Kritik verweist genau auf diese Qualität. Von einem „must-own compendium“ ist die Rede, von einem Werk, das nicht nur dokumentiert, sondern zur Teilnahme auffordert. Lesen wird hier zur Bewegung durch ein Netzwerk aus Stimmen, nicht zur linearen Rezeption eines abgeschlossenen Textes.
Am Ende bleibt weniger ein Eindruck als ein Zustand. Black Futures ist kein fertiges Narrativ, sondern ein offenes Gefüge. Fragmente, Portale, Stimmen. Gerade darin liegt seine Stärke. Es zeigt Schwarze Gegenwart nicht als Objekt, sondern als Praxis. Und Zukunft nicht als Prognose, sondern als etwas, das bereits begonnen hat.