Gegenwart lesen: The Empusium

The Empusium. A Health Resort Horror Story, Olga Tokarczuk, aus dem Polnischen ins Englische übersetzt von Antonia Lloyd-Jones, Fitzcarraldo Editions, London 2024; 336 Seiten, £14.99

Die Empfehlung kam aus dem Polnischen: Eine Freundin sprach von einem Roman, der sich nicht lesen lasse, ohne einen leichten Schwindel zu erzeugen. Auch in der englischen Übersetzung entfaltet The Empusium diesen Sog rasch. Olga Tokarczuks Text lehnt sich mit halluzinogener Konsequenz an Thomas Manns Zauberberg an, ohne ihn zu reproduzieren. Nacherzählt wird nichts. Tokarczuk umkreist ihr Vorbild. Atmosphäre, Traumlogik und intellektuelles Geplänkel geraten in ein schwebendes Gleichgewicht.

Der Schauplatz, eine abgelegene Heilanstalt in den schlesischen Bergen des Jahres 1913, trägt diese Stimmung von Beginn an. Nebel, Gerüchte, ein fernes Vibrieren der Geschichte – alles steht, bevor die erste Figur spricht. In dieser Abgeschiedenheit versammeln sich Männer, die reden. Philosophen, Schwadroneure, Weltdeuter. Der Titel sagt das Programm bereits an: Empusium ist ein Kofferwort aus Symposion und Empusa, jener gestaltwandelnden Dämonin der griechischen Mythologie, die Männern auflauerte. Das Gespräch und das, was ihm zusieht, stecken beide schon im Wort. Ihre Gespräche kreisen um Gott, Natur, Politik, um große Ordnungsvorstellungen und kippen dabei immer wieder in ein beiläufiges, selbstverständliches Reden über Frauen. Dieses Reden ist der Grundton des ganzen Sanatoriums. Ein Diskurs, der sich selbst für universal hält und gerade darin seine Grenze zeigt. Tokarczuk legt diese Bewegungen frei und verzichtet darauf, sie zu kommentieren. Der feministische Impuls des Romans arbeitet leise: Er lässt die Männer reden, bis das Reden selbst der Befund ist. Getragen wird das von einer Erzählinstanz, die sich als „Wir“ zu Wort meldet und den Männern zusieht – der Impuls ist grammatisch, bevor er thematisch wird. Was bei Mann oft mitgetragen wurde, erscheint hier als historisch gewordene Geste, sichtbar, aber nicht didaktisch markiert.

Gleichzeitig bleibt der Text eng an Manns Roman gebunden. Die kritische Distanz zum Zauberberg liegt in der Atmosphäre; analytisch wird der Text nie. Die Figuren wirken stellenweise grotesk überzeichnet, und die Überzeichnung trägt nicht immer. Manns Geist scheint bewusst eingeladen, immer wieder Bahnen durch Tokarczuks Text zu ziehen.

Und doch kippt etwas. Während sich die Männer in ihren ideologischen Positionen verlieren, tritt eine andere Ordnung hervor. Der Wald, zunächst nur Hintergrund, beginnt ins Bild zu drängen, legt sich wie ein Schatten-Layer vor die Szene. Eine dunkle, schwer fassbare Präsenz, die sich der immer wieder zum Rationalen strebenden Welt des Sanatoriums entzieht. Gerüchte von Opfern, von Körpern, die im Rhythmus der Jahreszeiten verschwinden, lagern sich an diesen Raum an. Die Landschaft antwortet, und sie tut es eigensinnig. Als würde sie das Denken der Figuren unterlaufen. In dieser Bewegung wird auch die Nähe zum Zauberberg neu lesbar. Wojnicz erscheint wie ein dekonstruierter, teils ins Absurde verschobener Castorp, ein Durchlässiger, wo Castorp ein Denkender war. Seine Wahrnehmung ist brüchig, offen für Einflüsse, die sich nicht mehr klar ordnen lassen. Was bei Mann noch als ideologischer Konflikt lesbar war, zerfällt hier in etwas Unbestimmteres. Die bei Mann geordneten, in der historischen Rückschau parabelhaft daherkommenden politischen Positionen der Figuren verlieren in Tokarczuks Text an Gewicht. Zurück bleibt ein anderes Spannungsfeld, eines, das quer zu den Systemen liegt: zwischen Körpern und einer Natur, die sich nicht befrieden lässt.

Achtung: Der folgende Absatz verrät die zentrale Wendung des Romans.

Denn Wojnicz' Durchlässigkeit ist mehr als eine Lesehaltung. Der Roman gibt im Verlauf preis, dass Wojnicz intersexuell ist; der Vater hatte in der Kindheit ärztliche Eingriffe zur „Korrektur“ veranlasst, woher die Scheu vor jeder Untersuchung im Sanatorium rührt. Am Ende zieht Wojnicz Klara Opitz' Kleider an, nimmt ihren Namen an und verschwindet aus den Aufzeichnungen. Damit wird rückwirkend lesbar, worüber die Herren die ganze Zeit doziert haben: über das Wesen der Frau, in Anwesenheit einer Person, deren Körper ihre Kategorien von innen aufhebt. Der feministische Impuls des Buches sitzt in dieser Konstruktion.

Daraus entsteht die eigentliche Spannung des Buchs. Tokarczuk schreibt sich in verschiedene Richtungen vom kanonischen Vorbild fort, verliert es aber nie ganz aus dem Blick. Die Prosa hält eine fiebrige Dichte und löst nichts davon auf. The Empusium funktioniert als Hommage und als leise Demontage patriarchaler Denkformen – und verbirgt dabei nie, wie nah es dem Kanon bleibt. Wer sich der ersten oder gar zweiten Lektüre der großen kommentierten Frankfurter Ausgabe von Manns Ursprungstext gerade nicht gewachsen sieht, dem sei dieses Buch ganz ohne Vorbehalte empfohlen. Denn auch wenn es nicht unbedingt ein Leben vor und eines nach The Empusium gibt, wie es Gasser so treffend wie pathetisch in Bezug auf die Lektüre des Zauberberg formuliert, so ist The Empusium doch ebenso voller Vorahnungen wie sein älterer Bruder. Eine Welt, die man am Ende nicht verlässt, sondern weiter mit sich herumträgt.

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