An Unkindness of Ghosts, Roman von Rivers Solomon
Akashic Books, New York 2018; Paperback, 352 Seiten, 16,00 EUR
Mit An Unkindness of Ghosts legt Rivers Solomon ein Debüt vor, das von der Kritik früh als „post-Butler-Roman“ gefeiert wurde. Der Schauplatz ist die HSS Matilda, ein Generationenschiff, das seit Jahrhunderten durchs All reist. Doch seine soziale Ordnung ist eine Übersetzung der Plantagenlogik: oben die weißen Eliten, unten die schwarzen Sharecropper. In diesem Spannungsfeld lebt Aster, Heilerin, Suchende, Außenseiterin, die auf der Spur des Todes ihrer Mutter beginnt, die Geheimnisse der Blackouts und der Machtverschiebungen an Bord zu ergründen.
Solomon verwebt die große Allegorie mit einer dichten Figurenzeichnung. Aster ist schwarz, intersex, genderqueer und neuroatypisch – eine Protagonistin, die nicht in vertraute Kategorien passt, sondern auf ihren eigenen Begriffen zu lesen ist. Ihre Beziehung zu Theo, dem Surgeon General der Matilda, ist ebenso zärtlich wie prekär, ein queeres und klassenübergreifendes Bündnis, das im Kontext der gewaltsamen Schiffsordnung im Verborgenen bleiben muss. Bemerkenswert ist, wie Solomon Kommunikation hier darstellt: direkt, präzise, manchmal schroff. Wo andere Autor:innen Missverständnisse für Dramatik nutzen, zeigt Solomon den Wert der Klarstellung – Aster fragt nach, Theo erklärt, Nähe entsteht im Reparieren.
Der Roman ist bevölkert von Figuren, die sich der Norm verweigern oder durch ihre Körper und Erfahrungen nicht normierbar sind: Theo, selbst neurodivergent, Giselle, traumatisiert und eigenwillig, Aint Melusine, aromantisch und asexuell, aber voller Fürsorge. Diese Konstellation erzeugt ein Ensemble, das Differenz nicht als Ausnahme, sondern als Grundlage für Solidarität begreift.
Das Worldbuilding verstärkt diesen Eindruck. Die rotierenden Felder um eine künstliche Sonne, die Sprachen und Kulturen der Decks, die alltägliche Gewalt und die zugleich entwickelten Überlebensstrategien der unteren Decks, all das wirkt bis ins Detail durchdacht. Doch so präzise die Welt gezeichnet ist, die eigentliche Stärke des Romans liegt in Aster selbst. Ihre kompromisslose Perspektive zwingt uns Lesende, auf gewohnte Codes zu verzichten. Subtilität, Andeutung, Metapher – vieles prallt an ihr ab, und gerade dadurch verschiebt sich der Fokus: Wir erleben eine Geschichte, die nicht über symbolische Umwege, sondern durch eine radikale Direktheit erzählt wird.
An Unkindness of Ghosts ist damit ein Roman, der Afrofuturismus nicht als dekorative Zukunftsfantasie, sondern als radikale Praxis versteht. Er macht sichtbar, wie tief historische Traumata in jede Vision der Zukunft eingeschrieben sind, und er erzählt zugleich von der Möglichkeit der Nähe, der Fürsorge und des Widerstands. Aster gehört zu den eindrucksvollsten Figuren der jüngeren Science-Fiction, und Solomons Debüt kündigt eine Stimme an, die den Diskurs auf Jahre hinaus prägen wird.