Good Reads: Das Wiener Kaffeehaus
Das Wiener Kaffeehaus. Mit Hinweisen auf Wiener Kaffeehäuser, herausgegeben von Kurt-Jürgen Heering, Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1993; 317 Seiten, 12,00 €
Manchmal greift man zwei mal zu einem Buch, weil es den Duft einer vergangenen Epoche verströmt. So erging es mir mit diesem Band, einer Sammlung von Texten, Anekdoten und literarischen Miniaturen über die Institution des Wiener Kaffeehauses. Herausgeber Kurt-Jürgen Heering versammelt darin Stimmen, die von der literarischen Hochblüte vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Zwischenkriegszeit reichen – und zeichnet so ein Panorama eines Ortes, der nicht nur Café, sondern Bühne, Redaktion und Denkwerkstatt zugleich war.
Die Lektüre ist ein Streifzug durch eine Kultur, die immer auch Theater ihrer selbst war. Hier diskutierten Schriftsteller:innen, Intellektuelle und Politiker, hier schrieb man Manifeste oder Gedichte auf Servietten, hier verfestigten sich jene Routinen, die Wien als geistige Hauptstadt der Moderne prägten. Die kurzen Stücke, teils heiter, teils melancholisch, entwerfen ein kollektives Porträt eines urbanen Habitus, der ohne das Kaffeehaus kaum denkbar wäre. Begleitet werden sie von Abbildungen, die den Charme der Orte festhalten – und zugleich zeigen, wie sehr diese Kultur bereits in den 1990er Jahren museal erschien.
Natürlich schwingt in all dem eine Melancholie mit: das Bewusstsein, dass die Glanzzeit dieser Kaffeehauskultur unwiederbringlich vergangen ist. Doch gerade das macht die Faszination des Buches aus. Wer liest, blickt nicht nur durch ein Schlüsselloch in eine andere Zeit, er spürt auch den Nachhall eines Lebensgefühls, das zwischen intellektueller Schärfe und süßer Langeweile oszillierte. Einem Leben, das sich dem Rhythmus von Kaffee, Zeitung und Debatte hingab.
Das Buch ist kein Reiseführer im eigentlichen Sinn, wenngleich die „Hinweise auf Wiener Kaffeehäuser“ praktische Orientierung bieten. Es ist vielmehr eine literarische Hommage, eine Einladung, sich im Kopf an einen Marmortisch im Café Central oder Café Griensteidl zu setzen und den Stimmen von Torberg, Altenberg oder Polgar zu lauschen. Heering hat mit dieser Anthologie ein kleines Denkmal geschaffen – und gerade in seiner Mischung aus Kuriositäten, Alltagsbeobachtungen und zeitlosen Reflexionen liegt sein Reiz.
Wer Wien verstehen will, sollte das Kaffeehaus verstehen. Und wer das Kaffeehaus verstehen möchte, findet in diesem Buch eine unverzichtbare Begleitung – eine Sammlung, die den Geist dieser Institution feiert, ohne ihn zu verklären.