Good Reads: Der Streik
Der Streik, Roman von Ayn Rand
Gebundene Ausgabe, übersetzt von Claudia Amor, Alice Jakubeit, Leila Kais, erschienen im Europa Verlag, München 2012; 1.108 Seiten, 39,90 EUR
Zu Ayn Rands Roman muss greifen, wen die Debatte um den Kapitalismus unserer Zeit nicht loslässt. Die Finanzkrise, Fragen nach den Grundlagen unserer Wirtschaftsordnung sind allgegenwärtig. Rands Werk, in den 1950er Jahren geschrieben und 2012 neu ins Deutsche übersetzt, verspricht eine radikale Gegenposition: die Verteidigung eines ungezügelten Individualismus, erzählt als episches Manifest gegen jede Form von Kollektivismus. Fasziniert von dem Versprechen auf Literatur, die ökonomische Ideologie nicht nur abbildet, sondern dramatisiert, arbeite ich mich durch den epischen "Streik".
Der Roman entfaltet sich von Colorado bis New York: Industriemagnaten wie Hank Rearden, Produzent von neuem Stahl, oder Dagny Taggart, die Leiterin einer Eisenbahngesellschaft, stehen im Zentrum. Sie werden nach und nach gezwungen, Eigentum, Vermögen und schließlich auch den Verstand in den Dienst einer Gemeinschaft zu stellen, die Rand als die „Schwächeren“ und „Armen“ karikaturistisch zeichnet. Am Ende postuliert sie, dass ohne Leistung und Intellekt die materielle Welt kollabiert – New York versinkt in Dunkelheit, die Eisenbahnen kommen zum Erliegen, die Menschen werden entwurzelte Existenzen.
Der Roman ist ein Manifest. Rands Konzept des Egoismus meint nichts anderes als das Recht, für eigene Leistung belohnt zu werden. Wer sich dem entgegensetzt, tritt bei ihr als bürokratischer Hemmschuh oder als moralisch korrupte Instanz auf. Es ist ein Schwarz-Weiß-Szenario, das mit der eigenen Biografie der Autorin verknüpft erscheint: eine Frau, die vor dem sowjetischen Kommunismus floh und in den USA zum Kultphänomen wurde. Literaturkritisch wirkt dieser Zugriff oft grob, teils naiv-heroisch, mit Figuren, die eher Ideen verkörpern als Menschen. Doch gerade diese Simplizität machte den Roman für viele zu einer Erzählung von ideologischer Klarheit.
Auch frühere deutsche Rezensionen hoben genau diesen Aspekt hervor. Ulrich Wille sprach in der Zeitschrift eigentümlich frei von einem "politisch-philosophischen Thriller", der endlich auch im deutschen Sprachraum zugänglich werde, und betonte den leidenschaftlichen Appell an Freiheit, Markt und Unternehmertum. Auf Plattformen wie Objektivismus.de wurde die Übersetzung begrüßt, weil sie Rand in ihrer "eigenen Klarheit" neu präsentierte. Wo Kritiker:innen also den Mangel an Ambivalenz monierten, feierten Befürworter:innen gerade diese Eindeutigkeit als Stärke.
So bleibt Der Streik ein Roman der Extreme. Wer sich auf ihn einlässt, begegnet weniger einem subtilen literarischen Werk als einem ideologischen Traktat in Romanform. Rands Figuren reden nicht, sie dozieren; sie lieben nicht, sie demonstrieren Prinzipien. Dennoch entfaltet das Buch eine eigentümliche Faszination: als Utopie einer Welt, in der Leistungsträger:innen sich weigern, sich opfern zu lassen – und als Dystopie einer Gesellschaft, die ohne sie ins Chaos stürzt. Ob man es als naiv romantisierte Kapitalismus-Verherrlichung liest oder als radikale Verteidigung des Individualismus – es bleibt ein Schlüsseltext, der die Debatten über Freiheit und Kollektivismus bis heute polarisiert.