Cover: © Kiepenheuer & Witsch

Auswahl: Dunkelblum

Dunkelblum, Eva Menasse, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021; 528 Seiten, 25,00 €

Gelesen an sonnigen Tagen in den Gärten der Welt in Berlin, dem früheren Erholungspark Marzahn. Zwischen Pagoden, Wasserglitzern und Heckenarchitektur öffnete sich in Eva Menasses Roman ein ganz anderes Gelände: eine österreichische Kleinstadt namens Dunkelblum, in deren Boden die Vergangenheit weiterarbeitet. Von der ersten Seite an ist spürbar, dass die Idylle trügt. Die Luft ist voller Geschichten, die niemand ganz erzählen will.

Der Roman spielt in den späten 1980er-Jahren und greift zugleich tief in die Schatten der 1940er. Menasse verschaltet Dorfpolitik, Gerüchte und Gewohnheiten zu einem sozialen Gewebe, in dem jede Figur eine Faser bildet. Die Handlung arbeitet mit dem, was fehlt. Auslassungen, Leerstellen, halbe Sätze. Sichtbar wird, was sich in Blicken, kleinen Gemeinheiten, schwankenden Loyalitäten und in einem hartnäckigen Schweigen ablagert.

Stark ist, wie der Text die Topografie gegen die Menschen spiegelt. Wege, Wiesen, Keller, Grenzstreifen. Das Buch bewegt sich wie eine langsame Prozession durch diese Räume und hält dennoch Tempo. Kein Krimitempo, sondern eine stetige Verdichtung. Figuren treten hervor, verschwinden wieder, kehren verschoben zurück. Man liest, als setzte man Stein für Stein ein Mosaik zusammen und bemerke irgendwann, dass das Bild längst da war.

Sprachlich verbindet Menasse Präzision mit feiner Ironie. Austriazismen, ein Ton, der Nähe zulässt, ohne vertraulich zu werden. Viele Sätze klingen beiläufig und bohren doch. Über das Erinnern, das Arbeit bleibt, und über das Vergessen, das nur scheinbar Ruhe bringt. Wahrheit erscheint hier nicht als Besitz, sondern als etwas, das zirkuliert, sich verliert, aufgeteilt wird und im Dorfverkehr versickert.

Was den Roman so beunruhigend macht, ist seine Selbstverständlichkeit. Antisemitische Haltungen treten nicht als Ereignis auf, sondern als Grundrauschen. Sie zeigen sich in Gerüchten, im Ausblenden jüdischer Biografien, in der leisen Normalisierung von Ausschluss. Nichts davon wird ausgestellt. Gerade diese Einbettung ins Alltägliche verleiht dem Text seine Schärfe. Dunkelblum erzählt keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern einen Bodensatz, der jede Szene färbt.

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