Good Reads: Endlich Stille

Endlich Stille, Roman von Karl-Heinz Ott, Hoffmann und Campe, Hamburg 2005; 208 Seiten, 17,95 €

Ein Bahnhofsausgang in Straßburg, eine höfliche Frage, ein falscher Takt: Mehr braucht es nicht, und ein Leben kippt. Otts zweiter Roman führt einen Basler Philosophen – Spinoza im Kopf, Ordnung im Herzen – an die Grenze seiner Leidensfähigkeit. Friedrich, der Zufallsbekannte, ist redselig, fordernd, unabschüttelbar; ein Schwadroneur, der sich ins Dasein des Erzählers frisst wie eine Tonfolge, die man nicht mehr loswird. Was als lässliche Übergriffigkeit beginnt, wächst zur Belagerung, zur subtilen Kolonisierung von Wohnung, Freundeskreis, Tagesrhythmus.

Ott orchestriert diese Eskalation mit einer stupenden Musikalität des Satzes: lange Perioden, die sich aufschaukeln, bis die Komik in Beklommenheit umschlägt; Wiederholfiguren, die den Zwang spürbar machen. Zwischen Spinozas omnis determinatio est negatio und der praktischen Unfähigkeit, „Nein“ zu sagen, entfaltet der Roman eine Anatomie der Überrumpelung – komisch, weil man es kennt; grausam, weil man es kennt.

Dass die Geschichte auf einen „schrecklichen Ausweg“ zutreibt, macht Endlich Stille nicht zum Thriller, sondern zu einer Studie über Verwundbarkeit, Scham und den dünnen Firnis der Zivilität. Otts Prosa ist zupackend und federnd zugleich; sie hält die Ereignisse „in der Schwebe“ und zeigt, wie schnell das Beiläufige existenziell wird. Ein abgründig komisches, verstörend gegenwärtiges Buch über die Kunst, Grenzen zu setzen – und das Desaster, wenn man es versäumt.

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