Good Reads: Gliff
Gliff, Ali Smith, Hamish Hamilton, London 2024; 240 Seiten, 12,99 €
Ali Smith eröffnet mit Gliff ein neues Diptychon: zwei Romane, eigenständig lesbar und doch miteinander verschränkt. Schon der Titel ist Programm, denn er verweist auf ein schottisches Wort für den kurzen Schreck, den flüchtigen Blick. Und tatsächlich arbeitet dieses Buch mit Momentaufnahmen, Eingebungen, Störungen im Kontinuum, die wie Lichtblitze eine nahe Zukunft ausleuchten, und mit Pferden, auf eine ganz wundersame Weise.
Die Welt, die Smith zeichnet, scheint nicht fern, oder sie ist es tatsächlich nicht: Hitze, vergiftete Flüsse, ausgedünnte Artenvielfalt, eine Verwaltung, die Menschen kategorisiert und „umarbeitet“. Im Zentrum stehen ein Bruder und eine jüngere Schwester, beide an der Schwelle zum Erwachsensein. Aus diesen beiden Perspektiven heraus befragt Smith Systeme und „ererbtes Wissen“ neu. Dass Pferde und das Reiten eine zentrale, beinahe mythische Rolle spielen, ist mehr als Motiv. Es wird zu einer Gegenfigur zur Kontrollgesellschaft, zu einem Bild für Beziehung, Vertrauen und Fluchtlinien.
Formal knüpft Gliff an Smiths Freude am Erzählexperiment an, ohne in Manierismen zu kippen. Kapitel öffnen sich wie Fensterflügel, Sprache wird zu Musik, mit Refrains, Gegenthemen, kleinen Verdrehungen, die erst als Muster sichtbar werden. Unter der scheinbaren Leichtigkeit liegt ein politischer Druck: Überwachung, Klassifizierung, die Privatisierung von Lebensgrundlagen. Smith spielt dabei auf Dystopien an, nicht nur auf Huxleys „Brave New World“, auch Orwells „1984“ und Bradburys „Fahrenheit 451“ schimmern durch. Aber sie antwortet nicht mit Endzeit, sondern mit einer eigensinnigen Mischung aus Parabel und Gegenwartsprosa, die das Morbide unserer Zeit benennt und doch den Raum für Zärtlichkeit und Trotz offenhält.
Wer das Seasonal Quartet mochte, wird viel wiedererkennen: die schnelle Reaktion auf den Zeitgeist, die Fähigkeit, das Nachrichtengeschehen in eine fabelhafte, oft sogar komische Erzählbewegung zu überführen. Neu ist der doppelte Boden. In Gliff ist eine verborgene Geschichte angelegt, die sich erst im Schwesterbuch Glyph vollständig zeigen wird, wie eine zweite Spur im Text, ein Relief, das man erst im Seitenlicht erkennt. Dieses Spiel mit Sichtbarkeit und Auslassung verleiht dem Roman eine Spannung, die über das letzte Kapitel hinausragt.
Auch die Kritiken haben genau diese Doppelbewegung hervorgehoben: den fabelhaften Ton und den politischen Biss, die Nahaufnahme einer kontrollierten Gegenwart und den behutsamen Humanismus, der sie unterläuft. Man liest Gliff als Warnung und zugleich als Zusage, dass Sprache, Anstand und Beistand mehr sind als dekorative Tugenden. „Bravery and goodness“: Bei Smith sind das keine großen Worte, sondern kleine Handlungen, die Welten öffnen.
Gliff ist damit ein Roman der Übergänge: zwischen Kindheit und Erwachsensein, Dressur und freiem Lauf, Ohnmacht und Handlung. Er zeigt, wie Literatur unsere chaotische Zeit nicht beruhigt, sondern sortiert, bis ein „gliff“, ein Schreckmoment, zum klaren Blick wird. Und er macht neugierig auf Glyph, wo das Verborgene zur Form kommen soll. Bis dahin bleibt dieses Buch ein leuchtender, eigensinniger Begleiter.