Good Reads: Ich und Kaminski
Ich und Kaminski, Roman von Daniel Kehlmann, erschienen im Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2004; 174 Seiten, 10,00 EUR
Manchmal greife ich schlichtweg zu einem Roman, weil er längst als moderner Klassiker gilt. So ging es mir mit Daniel Kehlmanns Ich und Kaminski, das ich mir endlich vorgenommen habe. Nach dem großen Erfolg von Die Vermessung der Welt wollte ich sehen, wie der Autor zuvor schon mit Sprache, Satire und dem Spiel mit Wahrheiten gearbeitet hatte. Der Künstlerroman, in dem ein gescheiterter Biograph auf einen vergessenen Maler trifft, erschien mir in diesem Sommer dabei genau die richtige Lektüre.
Kehlmann erzählt die Geschichte des Kunstkritikers Sebastian Zöllner, der glaubt, mit einer Biographie über den erblindeten Maler Manuel Kaminski endlich Karriere zu machen. Zöllner ist eitel, abgebrannt, ein Blender – und er stößt auf einen alten Mann, der sich weigert, in die Rolle des bloßen „Objekts“ zu passen, das der zunehmend verzeifelte Kritiker sucht. Als es dem Biographen gelingt, den Maler aus seiner Abgeschiedenheit zu entführen, entwickelt sich eine groteske Reise, die mehr über den Erzähler selbst offenbart als über den zu Porträtierenden, den vermeintlich großen Künstler. Ein Roadtrip, der sich zunehmend als Abrechnung mit den Lebenslügen des Biographen entpuppt.
Mich beeindruckte vor allem, wie präzise der Roman auf engem Raum funktioniert. Auf knapp 170 Seiten entfaltet sich ein Spiel über Macht, Manipulation und die Eitelkeiten des Kulturbetriebs. Kaminski selbst bleibt rätselhaft – blind oder nicht, genial oder vergessen, Opfer oder Spieler. Was bleibt, ist die schonungslose Demontage seines Biographen, der an seiner eigenen Selbstüberschätzung scheitert. Kehlmann gelingt hier, mit leichter Hand und trockenem Witz, eine Satire über Kunst, Kritik und die Illusionen der Erinnerung.
Ich und Kaminski ist damit ein kleines, aber präzises Meisterstück. Witzig, böse und klar komponiert, ein Roman, der sich schnell liest, aber lange nachhallt. Ein Künstlerroman über das Scheitern, über die Blindheit des Sehens und das Spiel der Lügen – und zugleich eine literarische Fingerübung, die zeigt, wie virtuos Kehlmann schon vor seinem internationalen Durchbruch war.