Good Reads: In Ascension

In Ascension, Roman von Martin MacInnes, Atlantic Books, London 2023; 512 Seiten

Es beginnt am Wasser. Leigh wächst in Rotterdam auf, wo der Hafen zum Zufluchtsort wird vor einem schwierigen Zuhause. Aus dieser frühen Faszination für die Tiefe entsteht ein Berufsweg in die Meeresbiologie – und ein Blick auf die Welt, der das Allerkleinste ebenso ernst nimmt wie das Unendliche. Als im Atlantik eine bis dahin unbekannte Tiefseerinne entdeckt wird, schließt sich Leigh einem Expeditionsteam an. Was sie dort findet, stellt Fragen an den Ursprung des Lebens selbst – und lenkt die Handlung von der Finsternis der Ozeantröge bis in die gleißende Trockenheit der Mojave, wo eine junge Raumfahrtagentur aus verstreuten Phänomenen ein Muster zu lesen versucht.

MacInnes komponiert diesen Roman als groß angelegtes Kontinuum: Mikrobenrasen und Sternfelder, Sedimentschichten und Umlaufbahnen, Familienbiografien und geologische Zeit. Die Sätze bleiben nüchtern und klar, fast laborhaft präzise – und gerade darin, im geduldigen Registrieren, entsteht ein Staunen, das niemals esoterisch wird. Leighs Wahrnehmung bleibt der Fokus; ihr forschendes Denken, ihre Skrupel, die Fürsorge für die kränkelnde Mutter und die jüngere Schwester erden die metaphysischen Zumutungen. Der Roman fragt nicht nur, woher Leben kommt, sondern auch, was es kostet, ihm nachzuspüren: Wer geht, wer bleibt – und was heißt Verantwortung, wenn der Maßstab kosmisch wird?

Erzähltechnisch wechselt In Ascension souverän zwischen Enge und Weite. Die Tiefseepassagen sind mit einer physischen Dichte geschrieben, die man fast atemlos liest; die Sequenzen in der Wüste und später in der Nähe von Trägersystemen und Reinräumen öffnen den Text ins Spekulative, ohne den Boden zu verlieren. Immer wieder kehrt der Roman an den Körper zurück: in Handschuhspitzen, die sachte an Probenbeuteln zupfen; in den Ritualen der Pflege; in der Müdigkeit, die Entscheidungen trübt. Das große Thema – Verbundenheit statt Herrschaft – entfaltet sich nicht als These, sondern als Erfahrung: Alles Leben ist Relation.

Gerade darin liegt die progressive Kraft des Romans: Er imaginiert Zukunft nicht als Untergangsszenario oder dystopischen Zusammenbruch, sondern als Chance, die Beziehungen zwischen Menschen, Natur und Kosmos neu und verantwortungsvoll zu denken. In Ascension zeigt eine positive Zukunftsvision, in der Wissenschaft nicht nur Mittel der Kontrolle ist, sondern eine Haltung der Demut und der Öffnung – eine Möglichkeit, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. In einer Gegenwart, die oft von Angst vor dem Verlust geprägt ist, wagt MacInnes die Vision einer Menschheit, die wächst, indem sie ihre Grenzen erkennt.

In Ascension ist damit zugleich Abenteuer und Meditation: ein langsames, präzises, eigenwillig tröstliches Buch über das Leben – vom Zellverband bis zur Umlaufbahn, getragen von einer Hoffnung, die progressiv ist, weil sie auf Verbundenheit, Fürsorge und gemeinsames Weiterdenken setzt.

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