Good Reads: Ins Offene

Ins Offene, Roman von Karl-Heinz Ott, Hoffmann und Campe, Hamburg 2006; 144 Seiten, 17,95 €

Ein Sohn kehrt in die schwäbische Provinz zurück, um die letzten Tage seiner Mutter zu begleiten – ein Debüt, „spektakulär leise“. Ott erzählt ohne Pathos und doch mit großer Intensität von einer lebenslangen Hassliebe, von Sprachlosigkeit und den Verwerfungen einer katholisch geprägten Kindheit. Das Dorf – bigott und vertraut –, die Donau noch ein kleiner Fluss, die Großmutter streng: Aus splittrigen Erinnerungen formt der Roman eine Gegenwart, in der jedes Wort zu viel sein könnte und jedes Schweigen schon ein Urteil ist.

Die Stärke liegt im Ton. Otts Sätze sind klar konturiert, fast musikalisch gesetzt; sie zirkulieren um die gleichen Motive, bis die Nuancen sichtbar werden: Enge und Weite, Ordnung und Trotz, Fürsorge und Groll. So entsteht eine Poetik des Unausgesprochenen. Nichts daran ist laut, doch alles hat Gewicht.

Ins Offene ist ein Roman über Bindungen, die tragen und fesseln zugleich – und darüber, wie Erinnerung weniger erklärt als erträglich macht. Wer die spätere Wucht von Endlich Stille kennt, staunt hier über die kontrollierte Zartheit: ein Erstling, der zeigt, wie weit man mit leisen Mitteln kommt.

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