Good Reads: Reisen im Skriptorium

Reisen im Skriptorium, Roman von Paul Auster, übersetzt von Werner Schmitz, erschienen im Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2008; 176 Seiten, 8,95 EUR

Warum greift man zu einem Buch wie diesem? In meinem Fall war es schlicht die Neugier auf einen neuen Auster. Nach Werken wie der New-York-Trilogie oder Die Musik des Zufalls interessierte mich, wie der Autor, der längst als Meister postmoderner Erzählspiele galt, sich selbst und sein Schreiben im Spiegel einer neuen, reduzierten Versuchsanordnung verhandeln würde. Reisen im Skriptorium erschien mir als Schlüsseltext: als Roman über die Literatur, geschrieben aus der Literatur heraus.

Die Handlung ist auf ein Minimum reduziert. Ein alter Mann, Mr. Blank, sitzt in einem kargen, abgedunkelten Zimmer, beobachtet von Kameras und Mikrofonen. Er weiß nicht, wer er ist, noch warum er dort ist. Auf dem Tisch liegen Manuskripte, in denen er sich selbst als Figur begegnet. Besucher treten auf, bringen ihm Nahrung, stellen Fragen – Figuren, die Kenner:innen von Austers Werk bereits kennen. So wird der Roman zu einem Vexierspiel, in dem sich Austers eigenes literarisches Universum auf die Bühne des Vergessens und der Erinnerung projiziert.

Gerade die durchgehende Ambivalenz macht das Buch spannend. Wer eine stringente Handlung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich jedoch auf das Spiel mit Identitäten, Spiegelungen und Intertexten einlässt, entdeckt eine konzentrierte Meditation über die Bedingungen des Erzählens selbst. Mr. Blank, der alte Mann, das scheint klar zu sein, soll mehr sein als eine Figur – er soll das alter ego des Autors zur Grundlage des Romans machen, gefangen im Käfig seiner eigenen Schöpfungen, ausgeliefert den Stimmen derer, die er einst erfunden hat.

Reisen im Skriptorium ist damit weniger Roman als literarisches Experiment. Für manche ein ärgerliches Stück Selbstbespiegelung, für andere ein feines Kammerspiel über Erinnerung, Schuld und das Altern des Erzählens. Für mich bleibt es ein kleiner, aber markanter Baustein in Austers Werk – ein Text, der mehr Fragen stellt als Antworten gibt, und gerade darin seinen Reiz entfaltet.

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