Good Reads: Ruhm
Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten, Daniel Kehlmann, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2010; 208 Seiten, 14,00 €
Nach dem großen Erfolg der Vermessung der Welt war die Erwartung an Kehlmanns nächstes Werk enorm. Mit Ruhm legte er jedoch keinen klassischen Roman vor, sondern ein Spiel aus neun Geschichten, die sich kreuzen, spiegeln und gegenseitig unterwandern. Wer sich auf dieses Mosaik einlässt, entdeckt nicht weniger als ein literarisches Labor über Identität, Fiktion und die Sehnsucht nach Berühmtheit.
Die Figuren sind so vielfältig wie ihre Schicksale: ein Schriftsteller, der Menschen aus seinem Leben zu Figuren macht; ein Schauspieler, der lieber unerkannt wäre; ein Abteilungsleiter mit Doppelleben; eine alte Dame, die sich mit ihrem Autor über den Tod streitet. Immer wieder tauchen sie in den Episoden neu auf – manchmal als Nebenfigur, manchmal als Echo. Alles hängt mit allem zusammen, und doch bleibt jeder Strang eigensinnig.
Kehlmann erzählt diese Verwicklungen mit Leichtigkeit und präziser Ironie. Der Ton schwankt zwischen Komödie und Abgrund, zwischen Satire und existenzieller Fragestellung. Was ist real, was nur Erfindung? Wo endet die Biographie, wo beginnt die Literatur? Die Geschichten spielen mit dieser Unschärfe, so wie sie die Grenzen von Leben und Text beständig verwischen.
Kehlmanns Buch ist vernetzt, verspielt, voller Identitätsverschiebungen. Ein Werk, das mit seiner Form den digitalen wie medialen Zeitgeist spiegelt. Und damit eine klare Empfehlung für alle, die unseren gegenwärtigen Zeitgeist in seiner Entwicklung seit 1990 zu dechiffrieren suchen.
Die Kritik sprach von Intelligenz und Witz, von Virtuosität und spielerischer Tiefe – und tatsächlich ist Ruhm all das zugleich.