Cover: © Rowohlt Verlag

Auswahl: Sister Europe

Sister Europe, Nell Zink, Viking, 24. April 2025 (Hardcover); 208 Seiten

Ein Roman der Gegenwart, angesiedelt in Berlin, irgendwo um Mitte. Glas, Preisgala, Nachtluft. Zink setzt ihr Ensemble in eine gläserne Zwischenwelt und lässt es dann auseinandertreiben. Eine Nacht der Fluchten, Fehlgriffe und Funken. Weniger Plot als Puls, eine urbane Komödie der Sitten mit politischem Seitenblick entfaltet sich beginnend mit Seite 1.

Die Figuren wirken wie bewusst überzeichnete Typen, doch sie knistern im Dialog. Ein Teenager in Transition, ein Vater zwischen Fürsorge und Überforderung, Kulturmenschen im Dauermodus der Selbsterklärung, ein Prinz auf Abwegen. Dazu ein Hund, der mehr Bodenhaftung mitbringt als manche manschlichen Protagonisten. Zink interessiert sich nicht für das „Wer hat recht?“, sondern für das „Wer kommt hier wirklich voran?“. Oft sind es die, die am wenigsten Lärm machen.

Formell bleibt der Text meist leichtfüßig. Kurze Sätze, schnelle Wechsel, witzige Seitwärtsbewegungen. Die Komik ist trocken, manchmal boshaft, dann plötzlich zärtlich. Wenn die Nacht die Rollen löst, zeigt sich hinter der Pose ein Hunger. Nach Nähe, nach Bedeutung, nach einem Morgen, der nicht wieder nur eine weitere Performance ist.

Politisch schneidet der Roman vieles an, ohne Thesen zu predigen. Identität erscheint als soziale Praxis, Geld oft als Schmiermittel der Kultur, Europa als Bühne, auf der alte Milieus neue Masken tragen. Berlin wirkt dabei weniger als realistische Kulisse denn als Resonanzraum einer Gegenwart im Übergang. Distanz und Nähe bleiben in kluger Schwebe.

Am stärksten ist das Buch, wenn es Tempo mit Zärtlichkeit mischt. Eine Szene, ein Blick, ein Witz, und plötzlich steht hinter der Satire ein echtes Herz. Sister Europe ist kein großer Gesellschaftsroman und will es nicht sein. Es ist eine Nachtpartitur der Übergänge, die im Kopf nachklingt, wenn längst wieder Tag ist.

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