Good Reads: The Empusium
The Empusium, Olga Tokarczuk, Fitzcarraldo Editions, London 2024; 384 Seiten, 25 €
Mit The Empusium hatte ich nun eine englische Übersetzung eines spannenden Romans aus dem Polnischen in den Händen. Eine Freundin hatte mir den Roman zwar im Original empfohlen, aber auch auf Englisch entfaltete er sofort seinen Sog. Ein fiebertraumartiger Roman, der sich mit halluzinogener Intensität an Thomas Manns Zauberberg anlehnt. Tokarczuk entwickelt daraus eine kritische Hommage, in der sich Atmosphäre, Traumlogik und intellektuelles Geplänkel überlagern. Schon der Schauplatz trägt den Ton: eine einsame Heilanstalt in den schlesischen Bergen des Jahres 1913, ein Ort voller Nebel, Gerüchte und Anzeichen des nahenden Krieges. Hier verschränken sich mysteriöse Erscheinungen mit Debatten über Medizin, Philosophie und die Verfasstheit der Welt.
In diesem Setting treffen Männer mit unterschiedlichen weltanschaulichen Überzeugungen aufeinander. Philosophen, Schwadroneure, selbsternannte Deuter der Welt; sie führen endlose Gespräche über Gott, Natur, Politik und den Sinn des Daseins. Doch immer wieder gleiten diese Diskurse in ein offen sexistisches Gerede über Frauen ab, das Tokarczuk spöttisch seziert. Hier blitzt der feministische Impuls des Buches auf: das patriarchale Erbe, das Manns Roman einst stillschweigend mittrug, die patriarchalisch geprägte Diskurskultur wird hier immer wieder geradezu beiläufig ironisch offengelegt.
Und doch: So geistreich und poetisch die Prosa, so funkelnd die ironischen Pointen, bleibt der Roman stark in der Umlaufbahn des „Zauberbergs“. Dessen kritische Rezeption bleibt häufig an der Oberfläche, davon kann auch die ohne Zweifel starke Erzählkraft Tokarczuks nicht ablenken. Dabei ersetzt auch die satirische Überzeichnung, die teils Spannung erzeugende Inszenierung, nicht immer die analytische Schärfe. Die Männerrollen wirken grotesk, aber auf unangenehme Art doch nicht substanziell gebrochen. Welche Strategie die Autorin mit diesem Umstand verfolgt, löst sich auch bis zum Schluss nicht auf.
Doch gerade in dieser Spannung liegt auch die Faszination: Tokarczuk halluziniert sich in verschiedene Richtungen von Manns Bergroman fort, eröffnet neue Perspektiven und erzeugt dabei eine angenehm fiebrige Dichte, ohne sich ganz von der Gravitation des Originals zu befreien. Ein Buch, das als Hommage funktioniert, das patriarchale Denken ans Licht zerrt, aber auch seine eigene Abhängigkeit vom Kanon spürbar macht. Und ein Buch, das in eine faszinierende Welt entführt, die man, je weiter es dem Ende zugeht, lieber umschreiben als wieder verlassen möchte.