Good Reads: The Lost Cause
The Lost Cause, Roman von Cory Doctorow, Tor, New York 2023.
Warum greift man zu einem Roman über Klimakrise und politisches Beben, wenn die Gegenwart schon laut genug ist? Weil Cory Doctorow das seltene Kunststück wagt, das Dröhnende zu dämpfen und das Möglich-Machende hörbar zu machen. The Lost Cause ist kein Endzeitthriller, sondern eine Anleitung zum Handeln im Präsens: ein Roman über Nachbarschaften, die sich organisieren, und über die leise Revolution, die aus Bauanträgen, Koalitionen und Beharrlichkeit entsteht.
Schauplatz ist Südkalifornien, Gegenwart-plus: Brände und Hitzewellen sind Alltag, die Gesellschaft ist polarisiert, Migration und Wohnungsnot sind die großen Sachfragen. Im Zentrum steht ein Teenager kurz nach der Highschool, der ein Haus erbt – ein Symbol der alten Ordnung – und es in etwas Gemeinsames verwandeln will: bezahlbare Wohnungen für Neuankömmlinge, die vor den Klimafolgen fliehen. Das klingt nach trockener Kommunalpolitik, wird hier aber zur erzählerischen Triebfeder: Genehmigungen, Versammlungen, Allianzen – aus Verfahren wird Plot, aus Zivilität Spannung.
Doctorow erzählt das mit dem hellen Ton eines „Hangout“-Romans: Man isst Froyo, streitet über guten Kaffee, führt diese langen, beiläufigen Gespräche, in denen Werte sich sortieren. Das Weltbauen ist akribisch – Technologien, Infrastruktur, neue Formen von Arbeit und Wohnen –, aber nie kalter Entwurf. Im Gegenteil: Die Utopie des Buches ist körperwarm, aus Alltag geboren. Dass neben Solidaritätsnetzwerken auch Milizen, Trolle und alte Ressentiments lauern, macht die Hoffnung nicht naiv, sondern belastbar.
Natürlich ist The Lost Cause ein parteiischer Roman. Er glaubt an Kooperation, an Dichte statt Zäune, an die Kraft der Vielen. Manchmal kippt der Eifer ins Didaktische; manchen Figuren fehlt die Ambivalenz. Doch selbst dann bewahrt der Text seine große Tugend: Er verwandelt Systemfragen in erzählte Erfahrung. Doctorow zeigt, wie politischer Wille sich in Strukturen übersetzt – Nachbarschaftsräte, Co-ops, Care-Arbeit –, und wie Freundschaften die Grammatik einer Stadt verändern können.
Im eigenen Werk knüpft der Roman an die bürgerbewegte Energie von Little Brother an und teilt mit Walkaway den utopischen Ernst – weniger Hacker-Setpieces, mehr kommunale Prozeduren; weniger Flucht, mehr Verankerung. Das Ergebnis ist eine optimistische, dezidiert progressive Zukunftsfigur. Keine rosige Heilslehre, sondern die hart erarbeitete Zuversicht, dass Institutionen formbar sind.
Das vielleicht Schönste an diesem Buch: Es vertraut seinen Leserinnen und Lesern als Mitgestaltenden. Statt dystopischer Erschöpfung gibt es den Vorschlag, wie man leben könnte – mit offenem Ende, aber mit Werkzeugen in der Hand. The Lost Cause ist, bei aller Wut und aller Zärtlichkeit, ein Roman der Zivilcourage: Er zeigt, dass Zukunft nicht fallend, sondern verhandelnd entsteht.