Good Reads: The Terraformers
The Terraformers, Roman von Annalee Newitz, Orbit, London 2023; 368 Seiten, 20,88 €
Ich muss gestehen: Ich liebe Bücher von Annalee Newitz. Objektivität? Fehlanzeige. Was folgt, ist eine begeisterte Empfehlung – ein Very Good Read. Newitz verbindet ökologische Wissenschaft, politische Imagination und erzählerischen Witz zu einer Space Opera, die zugleich als utopisches Experiment funktioniert.
Annalee Newitz schreibt Science-Fiction und Sachbücher; u. a. die Romane Autonomous (prämiert mit dem Lambda Literary Award) und The Future of Another Timeline sowie das Sachbuch Four Lost Cities: A Secret History of the Urban Age. Als Wissenschaftsjournalist:in veröffentlicht Newitz u. a. in der New York Times und führt eine monatliche Kolumne im New Scientist; zudem Co-Host des mit dem Hugo Award ausgezeichneten Podcasts Our Opinions Are Correct.
Im Zentrum des Romans steht Destry, Rangerin des Environmental Rescue Teams, die auf dem Planeten Sask-E fragile Ökosysteme pflegt. Ihre Mission, die in der Tradition ihrer Familie steht, gerät ins Wanken, als sie in einem Vulkan eine verborgene Stadt entdeckt – bevölkert von Menschen, die offiziell gar nicht existieren dürften. Von dort nimmt der Roman Fahrt auf und spannt den Bogen über Jahrhunderte und Jahrtausende: von den ersten Terraforming-Versuchen bis zu einer Gesellschaft, die den Weltraum selbstbewusst als Gemeinraum denkt.
Kompositorisch ist das Buch ein Generations- und Ideenroman in drei Teilen. In jedem Abschnitt verschieben sich die Perspektiven: Menschen, künstliche Intelligenzen, „uplifted“ Tiere und autonome Infrastrukturen erhalten Stimme und Handlungsmacht. Dieser kaleidoskopische Zugriff macht The Terraformers zu einer Auslotung dessen, was wir unter Leben, Personhood und Verantwortung verstehen. Das Skurrile – etwa sprechende Züge oder tierische Verbündete – ist nie bloßer Gag, sondern immer Teil der Frage, welche Lebensformen wir anerkennen und wie eine gerechte Kooperation aussehen könnte.
Inhaltlich arbeitet der Roman an zwei Achsen. Die politisch-materielle: Wem gehören Land, Daten, Verkehr – also die Grundlagen einer Zivilisation? Konzernkolonialismus und Eigentumslogik stehen gegen Gemeingüter, Stadtrechte und ein robustes Verständnis öffentlicher Infrastruktur. Und die poetisch-ökologische: Terraforming erscheint nicht als technischer Triumph, sondern als langfristige, sorgsame Pflege – Flüsse, Pilze, Böden, Mikroben, Transitnetze: alles sind lebendige Systeme, die in Beziehung stehen und Verantwortung einfordern.
Bemerkenswert ist der Ton. Trotz Konflikten, Verrat und Machtkämpfen verweigert sich Newitz der wohlfeilen Dystopie. Statt apokalyptischer Pose entwirft The Terraformers eine progressive, optimistische Vision: Kooperation schlägt Zynismus, Vielfalt schlägt Verengung, und Recht lässt sich neu denken – inklusive der Rechte nicht-menschlicher Akteur:innen. Das ist klar im Fahrwasser des „Hopepunk“: Literatur, die die Gegenwart ernst nimmt und dennoch an die Möglichkeit besserer Institutionen glaubt.
Stilistisch bleibt Newitz entschlossen unprätentiös: präzise, anschaulich, oft komisch, dann wieder lakonisch ernst. Die Welt ist üppig, aber nie überladen; die Wissenschaft (Ökologie, Stadt- und Infrastrukturplanung) trägt, ohne je zum Vortrag zu werden. Und ja: Der Schluss ist konstruktiv. Keine naive Sonnenseite, sondern das Ergebnis von Allianzen, Arbeit und Regeln – genau jener mühseligen, hoffnungsvollen Praxis, aus der Zukunft gemacht wird.
The Terraformers ist mehr als eine Geschichte über Terraforming. Es ist ein Roman über die Bedingungen, unter denen wir fortbestehen könnten – technisch, rechtlich, sozial. Ein Buch, das Lust auf Zukunft macht und zeigt, wie aus Visionen Institutionen werden.