Good Reads: Too Like the Lightning

Too Like the Lightning, Ada Palmer, Tor Books, 10. Mai 2016 (Hardcover); 432 Seiten

Ein Zukunftsroman, der sich nicht schnell liest – und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt. Ada Palmer entwirft im ersten Band von Terra Ignota eine Welt des Jahres 2454, in der Nationen der Vergangenheit angehören, Menschen sich in „Hives“ der Gleichgesinnten organisieren und Religion nur noch in privaten, streng regulierten Räumen existiert. Es ist eine Zukunft, die gleichzeitig utopisch und beklemmend wirkt: Heaven & Hell in einem Atemzug.

Mycroft Canner, der verurteilte Erzähler, führt uns durch diese Welt – höflich, ironisch, manchmal erschreckend vertraut. Seine Stimme ist barock, verschlungen, durchsetzt von philosophischen Anspielungen. Was anfangs schwerfällig wirkt, zieht einen nach und nach in einen Strudel aus Intrigen, Ideengeschichte und moralischer Unruhe. Es ist ein Buch, das Leser:innen nicht nur unterhält, sondern fordert.

Besonders faszinierend ist der Umgang mit Geschlecht und Sprache: Pronomen werden bewusst verschoben, traditionelle Rollenbilder sind tabu. Der Effekt ist verstörend und befreiend zugleich – ein permanentes Hinterfragen unserer eigenen Kategorien. Palmer nutzt Science-Fiction, um die Grundlagen von Identität, Gesellschaft und Moral neu zu verhandeln.

Im Gegensatz zu den klaren, optimistischen Utopien à la Star Trek zeigt Terra Ignota eine Gesellschaft, die stabil wirkt, aber jederzeit kippen kann. Die Hives sind Meisterwerke sozialer Organisation, aber sie sind auch verletzlich, anfällig für Manipulation und Machtspiele. Es ist eine Zukunft, die manchmal so plausibel erscheint, dass sie beunruhigt.

Die Mischung aus Aufklärung, Politthriller und spekulativer Soziologie macht das Buch einzigartig. Wer bereit ist, sich auf den langsamen Einstieg einzulassen, wird mit einem Werk belohnt, das wie ein Gespräch mit Rousseau, Voltaire und Hobbes wirkt – und zugleich den Nerv der Gegenwart trifft. Es ist kein leichter, aber ein lohnender Ritt.

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