Good Reads: Typisch amerikanisch

Typisch amerikanisch. Wie die Amerikaner wurden, was sie sind, Hans-Dieter Gelfert, C.H. Beck, 4. Auflage mit Nachwort „Amerika 2012“, München 2012; ca. 215 Seiten, ca. 13 €

Als Cross-Culture-Kid drängte sich mir das Buch in Vorübergehen iregendwie als Pflichtlektüre auf und erschien weniger als distanzierte Analyse, sondern als Versuch, Verwandtschaft zu verstehen. Gelfert nimmt uns mit auf eine Reise durch die amerikanische Mentalitätsgeschichte, zurück bis zu den Mythen des Puritanismus, dem Puls von Aufklärung und dem »Manifest Destiny«. Er zeigt, wie sich diese Narrative durch Populärkultur und Ideologien bis ins Heute fortschreiben, und wie sie die bei Gelfert paradox gezeichnete Seele des Landes prägen.

Die Stärke des Buches liegt in seiner Prägnanz. Gelfert dekonstruiert mit präziser Eleganz jene vermeindlichen amerikanischen Widersprüche, die wir in unserem Alltag oft nur ahnen: den hedonistischen Asketen, den religiösen Materialisten, den aggressiven Optimisten mit Apokalypse-Angst. Anhand kurzer, pointierter Kapitel zeigt er, wie kulturelle Formkräfte wie etwa Hollywood, Massenkultur (das Konzept setzt er unkritisch als gegeben voraus) und amerikanischer Humor das amerikanische Selbstbild formen.

Die 2012 ergänzte Auflage ist besonders. Gelfert reflektiert die Banken- und Kaptalismuskrise, den Kulturkonflikt um Intelligent Design, neue Formen des Rassismus und das radikalisierte Strafrecht – und spannt seinen Blick bis zur amerikanischen Politisierung der 2010er Jahre. Für eine Lektüre, die gerade als Europäer:innen unsere eigene kulturelle Blindheit hinterfragt, ist das ein Gewinn.

Als Leser schätze ich die Klarheit, mit der Gelfert Stereotype sieht, aber nicht voreilig versucht zu delegitimieren. Er lädt ein, Amerikas merkwürdige Melange aus Pathos, Pragmatismus und Mythos, sollten dies die Zutaten sein, als kulturelles Experiment zu begreifen.

Typisch amerikanisch ist kein Buch, das versucht uns die USA zu erklären. Es ist ein Buch, das versucht zu helfen, unsere eigenen Projektionen zu verstehen – und vielleicht zu mildern. Wer sich mit der amerikanischen Mentalität schon ein Leben lang auseinandersetzt, liest hier nicht nur Erklärung, sondern auch Zauber, der irritiert und nachklingt.

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