Good Reads: Innere Führung
Innere Führung: Erfolge und Defizite der Führungsphilosophie für die Bundeswehr, Uwe Hartmann, Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2007; 277 Seiten, 19,80 €
„Innere Führung“ – das klingt nüchtern nach Verwaltungsvorschrift, und doch verbirgt sich dahinter die wohl eigentümlichste Führungsphilosophie einer modernen Armee. Seit den fünfziger Jahren gilt der Bundeswehrsoldat nicht nur als Befehlsempfänger, sondern als „Staatsbürger in Uniform“. Uwe Hartmann hat dieser Leitidee ein Buch gewidmet, das weniger trockene Abhandlung ist als eine Einladung, den Kern des deutschen Militärs neu zu verstehen.
Ausgangspunkt ist die Zentrale Dienstvorschrift 10/1, die das Konzept der Inneren Führung verbindlich fixiert. Hartmann bleibt jedoch nicht beim Dokumentarischen. Er entfaltet die Philosophie entlang ihrer Erfolge und Defizite, zeigt ihre Wurzeln bei den preußischen Reformern, skizziert die Vordenker Baudissin, Kielmansegg und de Maizière und verfolgt die Entwicklung bis zu den Auslandseinsätzen unserer Tage. Dabei gewinnt das Buch eine historische Tiefe, die den normativen Anspruch der Inneren Führung in ein weites Koordinatensystem stellt.
Besonders eindrucksvoll ist Hartmanns insistierende Klarheit: Er zeigt, dass die Innere Führung nie abgeschlossenes Lehrgebäude war, sondern stets ein Projekt, das von den handelnden Menschen gelebt werden muss – oder eben scheitert. Ob in Afghanistan oder in den Debatten um Transformation und Einsatzfähigkeit: Hartmann plädiert für eine Innere Führung, die sich nur im offenen Diskurs bewährt.
Sein Ton ist dabei alles andere als technokratisch. Mit klarer Sprache und strukturierter Argumentation erreicht er sowohl Laien als auch Fachkundige. Er scheut nicht den Konflikt mit Kritiker:innen, sondern begreift die Auseinandersetzung selbst als Lebenselixier des Konzepts. Die Bundeswehr, so seine Botschaft, kann nur bestehen, wenn sie zugleich Kampftruppe und bewaffneter Aufbauhelfer ist – und wenn sie ihre Soldaten zu Verantwortung und Selbstverantwortung erzieht.
So ist Hartmanns Buch weit mehr als ein Handbuch zur ZDv 10/1. Es ist ein engagiertes Plädoyer für die demokratische Kultur einer Parlamentsarmee, die auf Humanität und Einsatzbereitschaft zugleich setzt. Wer verstehen will, was die Bundeswehr von anderen Armeen unterscheidet, findet hier eine klare, fundierte und streitbare Darstellung – ein Grundlagenwerk, das an Aktualität nichts eingebüßt hat.