Good Reads: Die Wiederkehr

Die Wiederkehr. Die AfD und der neue deutsche Nationalismus, Patrick Bahners, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2023; 544 Seiten, 28,00 €

Patrick Bahners, lange Stimme des FAZ-Feuilletons, legt mit Die Wiederkehr eine Analyse des neuen, alten Nationalismus vor. Zehn Jahre AfD sind für ihn kein Zufall, sondern das Resultat intellektueller Vorarbeiten, die längst vor ihrer Gründung begonnen haben. Sein Blick richtet sich nicht zuerst auf Programme, sondern auf Figuren – auf Habitus, Milieu und die Geschichten, die eine Partei groß machen.

Alexander Gauland, erinnert Bahners, trat zunächst in der Literatur auf: als Figur in Martin Walsers Finks Krieg. Wenig später lieferte Walser mit seiner „Moralkeule“ jenen Begriff, der zum Türöffner für den rechten Diskurs wurde. Solche Verbindungen macht Bahners sichtbar. Er folgt den Linien von Cora Stephan bis Thilo Sarrazin, vom FAZ-Herausgeber Joachim Fest bis zu dessen Sohn Nicolaus, der heute für die AfD im Europaparlament sitzt. Die Partei, so seine These, wurde im intellektuellen Salon entworfen, bevor sie in Wahlkabinen Wurzeln schlug.

Dass sie als eurokritische Professorenpartei begann, ist für Bahners nur Fassade. Der nationale Kern war von Anfang an präsent: Gauland spielte die Karte, Konrad Adam attackierte Staat und Bürokratie. In pointierten Kontrasten zeigt Bahners, wie Erinnerungen des rheinland-pfälzischen AfD-Chefs Uwe Junge mit den Analysen Wibke Beckers zu Hans-Olaf Henkel kollidieren – und wie daraus eine Radikalisierungslinie sichtbar wird. Sein Urteil: Der Fisch stank vom Kopf her, lange bevor die Partei im ganzen Land roch.

Seine Stärke liegt in den intellektuellen Tiefenbohrungen. Bahners ist kein Wirtschaftshistoriker, sondern Beobachter des politischen Feldes. Glänzend etwa seine Lektüre von Jürgen Habermas’ Deutung des Erfurter Skandals: Höckes Manöver, so Bahners, wurde nicht zum Triumph des Nationalismus, sondern zum Befreiungsschlag der demokratischen Parteien. Erst Merkels klare Grenzziehung habe die AfD in die Rolle gedrängt, die sie bis heute ausfüllt: die des entschiedenen Gegenpols.

Und doch bleiben Fragen offen: Welche Kraft haben die radikalsten Strömungen der Partei wirklich? Welche Wirkung entfaltet ihre Russlandfreundlichkeit? Bahners blickt beunruhigt auf die kommenden Landtagswahlen, wissend, dass Antworten sich nicht in Fußnoten finden, sondern auf Wahlzetteln.

Sein Buch schließt nicht mit Alarmismus, sondern mit einem Appell: Die AfD darf nicht ignoriert, sie muss argumentativ gestellt werden. Die Wiederkehr ist damit weniger eine Abrechnung als eine Einladung – zum Streit, zur Analyse, zur Auseinandersetzung. Und genau darin liegt seine Stärke: Bahners liefert nicht das letzte Wort über die AfD, sondern öffnet den Raum, in dem das nächste fallen muss.

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  • Good Reads (V)_Joshua_Tewalt: © Joshua Tewalt