Good Reads: Für ein anderes Europa
Für ein anderes Europa. Vertrag zur Demokratisierung der Eurozone, Stéphanie Hennette, Thomas Piketty, Guillaume Sacriste, Antoine Vauchez, übers. v. Michael Bischoff, C.H. Beck, München 2017; 89 Seiten, 10,00 €
Thomas Piketty ist zurück – und diesmal nicht allein. Gemeinsam mit Hennette, Sacriste und Vauchez legt er einen Entwurf für eine radikale Reform der Eurozone vor. Das Buch ist knapp, dringlich, ein Pamphlet und ein Vertrag zugleich. Und es will mehr als bloße Stabilität: Es will dem europäischen Projekt eine neue demokratische Basis geben – und dem aufkommenden Rechtspopulismus den Boden entziehen.
Im Zentrum steht der „Demokratisierungsvertrag“: ein rechtlich formulierter Text in 22 Artikeln, der die Eurozone auf neue Füße stellen soll. Nationale Alleingänge in Steuer- und Wirtschaftspolitik wären passé, stattdessen würde ein europäisches Parlament mit Durchgriffsrechten die Richtung vorgeben. Der Anspruch ist so einfach wie gewaltig: Europas Währungsunion soll nicht länger durch Notlösungen gestützt, sondern institutionell erneuert werden.
Die Stärke des Bandes liegt in seiner Klarheit. Die Autor:innen schreiben ohne Umwege, interdisziplinär und mit politischem Mut. Besonders gelungen ist die Übersetzung von Michael Bischoff, die den Tonfall präzise ins Deutsche überträgt. Dass vieles bekannt klingt – etwa die Idee gemischter Kammern – mindert die Wirkung kaum, weil hier ein kohärenter Gesamtvorschlag vorliegt, der wie ein fertiges Dokument wirkt.
Natürlich gibt es Reibung. Die Darstellung der bestehenden Institutionen wirkt teils skizzenhaft, gelegentlich gar wie ein Zerrbild. Und die „Demokratisierung“ entpuppt sich als Machtverschiebung hin zu einem supranationalen Gremium – ein Ansatz, der in Deutschland kaum Zustimmung finden dürfte. Doch gerade diese Provokation macht den Text wertvoll: Er zeigt, dass man Europa auch anders denken kann, als es der Berliner Konsens erlaubt.
Am Ende bleibt ein Vorschlag, der weniger als Blaupause, mehr als Herausforderung wirkt. Er erinnert daran, dass die Eurozone nicht nur ökonomisches Projekt, sondern auch politische Schicksalsfrage ist. Wer das Buch liest, wird sich fragen: Was riskieren wir mehr – die Bewahrung des Status quo oder den Sprung in eine neue europäische Ordnung?